Verweichlichen

Gut schmecken heißt immer auch, dass sich etwas im Mund gut anfühlt. Der Tastsinn wird so bei einem Himbeertraum aus Sahne, Baiser und Himbeeren erfreulich gut angesprochen. Man hat eine gute Lust am Zergehen auf der Zunge, bei der die aufgetauten Himbeeren mit der Sahne und dem leicht widerständigen Baiser eine Einheit ergeben.

Wenn man ganz genau auf diese Lust achtet, so merkt man, dass hier zwei unterschiedliche Genüsse am Werk sind. Bei einem Käsefondue hat man nämlich Lust an der schmelzenden Weichheit des warmen Käses. Was schmilzt und nach allen Richtungen wegfließt , fühlt sich angenehm an. Diese Lust an der Verweichlichung kann aber auch unter die Haut gehen und die Zunge selbst weich machen. Von dort aus kann der ganze Körper dem Gefühl nach zerfließen, was sich etwa bei einem besonders zart gegarten Bratenstück zeigen kann. In diesem Fall schmeckt man die Zartheit des Fleisches nicht und man fühlt sie auch nicht mit dem Tastsinn. Eine neue Qualität kommt hinzu.

Diese Verweichlichung kennt jeder vom Anblick schlafender Katzenbabies, die eng aneinander geschmiegt ist. Man schmeckt den Anblick nicht, sondern fühlt in seiner Körpermitte eine angenehme Weichheit aufsteigen, die sich immer weiter ausbreitet. Auch das kleine Mädchen, das friedlich und in sich selbst versunken mit seiner Puppe spielt, kann so ein Weichmacher sein und unwillkürlich die Härte des Alltags aufweichen.

Philosophisch kann man sich dieser Verweichlichung so nähern, dass die Konsistenz des Leibes nicht mit der physischen Konsistenz des Körpers zusammenfällt. Nach einem Besäufnis kann man sich ausgebrannt wie Asche fühlen. In dem Fall hat man immer noch seinen Körper, dessen Konsistenz im großen und ganzen sich nicht geändert hat. Der Kater aber zeigt sich in dem Körpergefühl als Leib, in der man sich wie ausgebrannte Schlacke fühlt. Man fühlt sich wie eine Ruine an.

Die gefühlte Konsistenz kann auch in Richtung Gummi gehen. Das hat man bei bestimmten Mischungen von Aufregung und Angst. Die Knie des so gestressten Fußballers fühlen sich dann wie Gummi an. Ihre wabbelige Textur droht jederzeit ganz in sich zusammen zu fallen, so dass die Schritte sehr vorsichtig und staksig werden. Kommt der Fußballer aber in die Zweikämpfe dann doch gut rein, wird er aus dem Gefühl von Plaste & Elaste schnell herausfinden und zu einer Konsistenz von Kraft, Stärke und Präzision kommen.

Übertragen auf das Essen hat das natürlich die Bedeutung, dass man ein gut angetoastetes Marshmallow nicht nur auf der Zunge zergehen lasen kann, sondern auch in der Zunge und darüber hinaus im ganzen Leib. Wenn man ein steifer Esser ist, wird man nicht sehr offen für diesen Sprung in die innere Weichheit sein. Das Zerfließen als Lust kann sich dann nicht breit machen, weil man in sich die Schwäche des Genusses nicht zulassen will. Der innerlich Verhärtete hält gerne an seiner Härte fest

Es gibt aber auch Leute, die nicht zugeknöpft sind, aber aus Gewohnheit nicht auf das Zergehen des Leibes achten. So wie man bei der Arbeit den Hunger, der sich über Stunden aufgebaut hat, weitgehend in den Hintergrund drängt und ihn so gar nicht recht spürt, so kann man auch gewohnheitsmäßig das Verweichlichen im Leib übersehen und daran vorbeispüren. Es ist dann eine Frage der Aufmerksamkeit und der lebendig gebliebenen Erfahrungen aus der eigenen Biographie des Schmeckens. Viele Menschen haben diese einfachen Erfahrungen des inneren Zerfließens nicht mehr und können ein Fondue nur noch auf der Zunge, aber nicht mehr in der Zunge schmecken. 

In kleinen Serien von Erfahrungen kann man sich diesen Geschmackshorizont wieder zulegen. Zum Beispiel kann man sich einer Karamellcreme widmen, in der gesalzene Butter mit Zucker in eine feste und wohlschmeckende Einheit gebracht worden ist. Hat man ein Döschen Salidou vor sich stehen, kann man durch ein Löffelspitze der Creme gut das Zergehen zunächst auf der Zunge und dann in der Zunge erleben. Die Karamellbutter schmilzt im Mund, was angenehm ist. Sie löst aber auch eine leibliche Verweichlichung aus, die sich in kleinen Potenzen zeigt.

Natürlich erinnert das an die erotische Berührung, die eine Spur der Weichwerdung hinter sich lässt. Wo sie schon war, ist die Weichheit auch schon da. Und wo sie noch nicht war, da geht es verhärtet zu. Erotik und gutes Essen sind also nahe Verwandte in Bezug auf das Zerfließen, wobei der Eros nicht als erster da war und alles andere Sublimation ist. Es handelt sich einfach darum, dass dieselbe Lust in ganz unterschiedlichen Umfeldern auftreten kann.

Wie nun manche Menschen der Erotik nicht viel abgewinnen können und einen Kuss so empfinden, dass bloß zwei feuchte Schnauzen ohne jeden Abstand aufeinander gedrückt werden, kann auch das Spüren einer zarten Textur bloße Sinneswahrnehmung bleiben. Ob es darüber hinaus geht, entscheidet die Aufmerksamkeit, die man dem Essen entgegenbringt. Kommt man dem entgegen, was auf der Zunge ist, kann es auch unter die Zunge gehen.