Philosophie als Experiment

Die Philosophie fĂ€ngt lebendige Erfahrungen zwischen zwei Buchdeckeln ein und macht sie zur Theorie. Daraus gibt es kein Entkommen mehr, denn Buch und Theorie finden ihren Platz in der Bibliothek, wo die BĂŒcher nur noch untereinander Kontakt haben. Sie verkehren dort exklusiv mit ihresgleichen und kommen höchstens als Zitat wieder in anderen BĂŒchern vor.

Experiment statt Konserve heißt es, geht man den umgekehrten Weg und befreit die Theorien aus den Bibliotheken. DafĂŒr bieten sich Versuche mit dem Recht auf eigene Tatsachen an. Der philosophische Begriff dafĂŒr ist die Tautologie, nach der etwas aufgrund seiner logischen Form allein richtig ist. Im Alltag wie in der Philosophie lĂ€uft das auf den Missbrauch hinaus, dass etwas richtig sein soll, nur weil man es auf eine bestimmte Art und Weise sagt. Das traurige Resultat ist ein beharrliches Aneinandervorbeireden.

Das Recht auf eigene Tatsachen gibt es aber wirklich, da die Tautologie „Etwas ist gut, nur weil es ist“ im Leben oft gilt. Epikur nannte sie Ataraxie und meinte damit den Aufstieg der einfachen zur gehobenen Tatsache. Sind die Tatsachen auf ewig unbedingter NeutralitĂ€t verpflichtet, so gilt das nicht fĂŒr die Freude an sich, bloß weil man ist. Der schwer kranke Mensch, der seine Krankheit ĂŒberwunden hat, wird sich so an der bloßen Tatsache zu leben erfreuen. Er freut sich nicht ĂŒber dieses oder jenes, sondern schöpft sein Behagen aus dem Sosein.

Damit lĂ€sst sich experimentieren. Man kann die sachliche Vorhandenheit von sich in eine Lust an der Tatsache versetzen und in ein Hochland der Tautologie geraten. Wer so im Winter in eiskaltes Wasser baden geht und nach kurzer Zeit wieder heraus kommt, der wird einige Minuten spĂ€ter eine GlĂŒckseligkeit in sich aufsteigen fĂŒhlen. Die sonst unbeachtete Tatsache, einen Körper zu besitzen, wird zur Lust und nimmt sich das Recht auf eigene Tatsachen heraus. Die abstrakte Gleichung ⊹ A → A wird hier lebendig. Sie wird zur Aponia, der Meeresstille des Leibes.

Das Gegenteil davon ist die Akedia. In ihr mag man das nicht, was man denkt, hört und sieht, bloß weil es da ist. Ganz egal, was man gerade erlebt, so ist es verdrießlich. Das liegt nicht an den Tatsachen, sondern an der Eigenart des Lebens, sich nicht an die Tatsachen zu halten. Unwille, Stumpfheit und Verdruss fĂ€rben in der Akedia nĂ€mlich alles mit sich ein und nehmen es mit sich in die Unsachlichkeit. Man kann sie im Kleinen auch an sich selbst erfahren, wenn man zum Beispiel aus dem Fenster schaut, den Nachbarn sieht und ihn nicht mag, bloß weil er da im Garten steht.

Philosophie als Experiment heißt so bei der Tautologie, nicht bloß zufĂ€llig in eine Lust oder Unlust zu geraten, also nicht nur nach dem unfreiwilligen Selbstversuch der glĂŒcklich ĂŒberstandenen Krankheit. Das Experimentieren mit der Formel ⊹ A → A öffnet einen guten Zugang zur Unsachlichkeit. Im Fasten zum Beispiel, wo der leere Magen von sich ein Wohlbehagen entwickelt, um es in den Leib auszustrahlen. Oder beim philosophischen SelbstgesprĂ€ch, wie es der Stoiker Seneca so lebhaft beschreibt. Oder nach einem Marathonlauf, bei dem man in den Ă€ußerst bescheidenen Selbstgenuss einer Tautologie gerĂ€t.

Auch die Inkarnation gibt Anlass zu Versuchen und kleinen DrehbĂŒchern. Inkarnation heißt Verkörperung und meint so etwas einfaches wie den Beamten, der merkwĂŒrdige Wolken um sich herum verbreitet. Er verkörpert darin das Finanzamt und den Staat, ist aber tatsĂ€chlich nur ein EndfĂŒnfziger mit Halbglatze und Bauchansatz. Er ist das, was er gerade nicht ist. Und er hat auch keinerlei Ähnlichkeit mit Amt und Staat, die ihrerseits auch wieder bloß abstrakt sind und gar nicht gesehen werden können.

Inkarnation – das ist zum Beispiel auch das Rauchverbot in einem öffentlichen GebĂ€ude. Obwohl nur eine abstrakte Idee, ist sie genauso anwesend wie die Tapeten, Möbel, Fenster und TĂŒren im Haus. Das Rauchverbot schwebt im Raum so konkret wie der Tisch auf dem Boden steht und ist Teil des Mobiliars. Selbst der Raucher, der sich ĂŒber das Verbot hinweg setzt, spĂŒrt dieses in den Raum zerstĂ€ubte Recht. FĂŒr ihn ist das zwar Unrecht und vor allem Unsinn, aber er erlebt und empfindet den Rechtsraum so wie alle anderen.

Interessant wird die Verkörperung beim Sex, wo sonst ĂŒbelriechende FlĂŒssigkeiten ihre Natur wechseln und Schweiß als Aphrodisiakum erlebt wird. Namenlose Sekrete werden zu Elixieren und glitschige, schleimige und stinkende Tatsachen bekommen einen erotischen Mehrwert. Wenn das Wildschwein sich im Schlamm von guter QualitĂ€t wĂ€lzen kann, ist es glĂŒcklich. Wenn Kinder sich im Schmutz austoben und sich an ihm begeistern, dann sind sie in ihrem Element. Und wenn der geschlechtsreife Mensch sich am Schmutz erfreut, dann hat das fast immer mit Sex zu tun. Was sonst schlecht riecht und unappetitlich ist, wird dann zu einer Lust.

Diese Alchimie beruht auf der Einheit von Phantasie und Wirklichkeit als gezielter SelbsttĂ€uschung, die philosophisch Apperzeption genannt wird. Was fĂŒr den Menschen zu schnell, zu langsam oder zu abstrakt ist, das kann er durch die Inkarnation doch unmittelbar wahrnehmen. Phantasie und Wahrnehmung kommen dabei so zueinander, dass das Unsichtbare sichtbar wird. Eine einschneidende Erfahrung in der Materie macht der Patient, der vom Arzt eine unheilbare Krankheit diagnostiziert bekommt. Hat er sich gerade noch wohl gefĂŒhlt, spĂŒrt er jetzt seine Krankheit. Er denkt nicht so sehr daran, sondern spĂŒrt das Falsche und Kranke unmittelbar in sich als Verkörperung. Wird ihm dann am nĂ€chsten Tag gesagt, seine Akte sei vertauscht worden und er ist nun doch gesund, weicht die Inkarnation sofort aus seinem Körper.

Bei der Inkarnation geht es also nicht darum, was tatsÀchlich da ist. Der wirkliche Gegenstand ist nicht in seinen konkreten Eigenschaften gefragt, sondern in seiner Verkörperung. Experimente erden so geradezu herausgefordert, um aus einer grauen Tatsache etwas ganz anderes zu machen.

Das gilt auch fĂŒr das BaugefĂŒhl, das als Baulust ganz zu Beginn der Philosophie stand. Heraklit fasste vor zweieinhalb Jahrtausenden sein BaugefĂŒhl begrifflich und machte daraus eine Theorie vom Sein als Werden. Alles fließt, heißt es beim ihm. Alles ist in Bewegung, so dass nichts unverrĂŒckbar ist, sondern alles seinen Gegensatz sucht, darin aufgeht oder sich mit ihm verbindet. Heraklits panta rhei machte Karriere und wurde sehr viel spĂ€ter von Hegel zur Methode erhoben. Er nannte sie Dialektik und machte so das BaugefĂŒhl zum absoluten Sein. Karl Marx wiederum stellte Hegels Dialektik wieder auf die FĂŒĂŸe und brachte sie in die soziale Wirklichkeit zurĂŒck. Auch Kierkegaard machte aus Hegels Dialektik etwas ganz anderes und experimentierte mit sich selbst, um zu immer neuen Ergebnissen in Sachen BaugefĂŒhl zu kommen. Dabei ĂŒbernahm er sich, geriet in eine Serie von Krisen und starb noch ganz jung im Alter von 42 Jahren.

Das kleine Kind freut sich am BaugefĂŒhl beim Bau eines Iglus, der Erwachsene am Renovieren eines alten Bauernhauses. Beide haben eine Lust daran, dass es Fortschritte gibt und vorwĂ€rts geht. Das GefĂŒhl, dass sich etwas tut, ist aber gar nicht an sichtbare Baustoffe gebunden. Auch in der Musik kann man sein BaugefĂŒhl erproben. Statt Zement und Ziegel findet sich das Baumaterial dann in Tönen, die Lust oder Unlust im Werden hervorbringen. Die Töne erhalten sich bestimmte Eigenschaften des Handfesten, so wie die Schwere, die Leichtigkeit und die Kombinierbarkeit zu DreiklĂ€ngen und Melodien. So gibt es ein musikalisches BaugefĂŒhl fĂŒr sich.

Aber selbst ganz ohne Material baut es im Menschen. In der Langeweile sind so eine Unzahl von Sackgassen in Bewegung. Die Last mit sich selbst formiert sich bestĂ€ndig, bildet sich um und drĂ€ngt neu an, nur um an sich selbst zu stoßen. Langeweile ist eine in sich verlaufende Bewegung als unsichtbarer Krampf und Kampf. Als Schwung, Zug und gedrĂ€ngte Einfachheit kommt sie immer wieder bei sich an und wird darin zu einem reinem BaugefĂŒhl als Unlust an seiner eigenen Beladenheit.

Das BaugefĂŒhl ist also nicht von realen Baustoffen abhĂ€ngig. Das Leben ist sich eine ewige Baustelle auch ohne Ziegel und Mörtel, weil es seinem Wesen nach im Werden und im Entwurf besteht. Der experimentelle Mehrwert von Heraklits Aktnatur des Seins besteht dabei in der Erkundung eines GefĂŒhls, dass sich von jedem Baustoff und von jeder Baustelle freimacht. Es ist nicht in der Welt ist, sondern eine Wirklichkeit, die vom Mensch selbst hervorgebracht wird. Ob beim Bauchschmerz, bei der Langeweile, beim Sex, Schweigen oder beim Biertrinken – es findet sich immer wieder dieselbe Formel des BaugefĂŒhls, die man von einem Lebensbereich auf den anderen ĂŒbertragen kann.

Das philosophische Labor ist also ĂŒberall da, wo der Mensch ist. Die Experimente im Sektor BaugefĂŒhl bilden ein Labor, so wie auch die Lust am Leiden, eine Erfahrung, mit der man zu jeder Zeit und bei jeder Gelegenheit experimentieren kann. Man muss nur traurige Musik zu hören, etwa Johann Sebastian Bachs MatthĂ€uspassion, an der man erst bereitwillig und dann beinahe gierig leidet. Die Lust der dritten Art schafft darin ein abgrĂŒndiges Behagen am Traurigen, in dem man sich gerne aufhĂ€lt. Auch die Wut kann eine Lust werden, so wie bei Ludwig van Beethoven. Man hebt in Beethovens Wut ab und geht in ihr auf, ohne sich daran zu stören, wie das sonst der Fall ist. Der musikalische Zorn ist dann ein Feuer und eine belebende Gewalt.

Darin steckt das Prinzip, eine Urlust am Leiden zu empfinden. Nietzsche nannte das die Krankheit des Lebens. Diese Krankheit besteht darin, sich im GefĂŒhl von sich selbst immer zu bejahen, ob man leidet oder sich freut. Das fĂŒhrt auch dazu, dass man lieber leidet als gar nicht zu sein. Denn im Leiden ist etwas, auf das man gar nicht verzichten kann, nĂ€mlich das Behagen, sich zu spĂŒren.

Kleine Selbstversuche dazu bieten sich beim Ärger an. Ärgert man sich aus gutem Grund, so schwingt im Ärger dennoch oft ein unterirdischer Genuss in der Lebendigkeit daran mit. Man kann nicht recht vom Ärger lassen und kommt immer wieder darauf zurĂŒck, weil das alles zwar nervt, aber zugleich auch belebt und eine Kraft ist. Der Ärger besteht also in der Ohnmacht, Opfer geworden zu sein. Er ist darin aber zugleich auch eine Macht, sich darin in gesteigerter Kraft und Lebendigkeit zu spĂŒren. Der wohlige Ärger durchflĂŒstert den Menschen regelrecht und erzeugt dabei eine vergiftete WĂ€rme, auf die man nicht verzichten kann.

Die Lust am Leiden ist auch essbar. „It feels so good to hurt so bad“ gilt fĂŒr Chili, Pfeffer und Ingwer, die angenehm unangenehm nach Schmerz schmecken. Die Geschmacksrichtung „lustvoller Schmerz“ verzweigt sich noch weiter und kennt beim Pfeffer die gewöhnliche SchĂ€rfe und dazu noch ein Kribbeln und Prickeln, die sich nach kleinen elektrischen Entladungen anfĂŒhlen. Nach dem Kribbeln setzt allerdings Taubheit ein und man kann erst einmal ĂŒberhaupt nichts mehr schmecken, auch keinen Schmerz mehr.

FĂŒr Aristoteles gab es sieben Geschmacksrichtungen, wir haben uns auf vier geeinigt. Über sĂŒĂŸ, sauer, salzig und bitter hinaus gibt es aber noch die Schmackhaftigkeit als solche (umami) und die Geschmacksorte Schmerz. Der scharfe Senf trifft dabei genau das Ineinander von Schmerz und Lust, ohne das die Bratwurst nicht schmeckt. Die Wurst wiederum mildert die schmerzenden UmstĂ€nde und bringt so eine wohltemperierte Schmerzlust hervor. Sie ist anders als bei Salmiak und wieder anders als beim Meerrettich, die ihre eigenen Schmerznoten und Kombinationen kennen.

Die Lust am essbaren Schmerz reizt also zu einigen Experimenten. Auch die Lust an TrĂ€nen, Trauer und Wut in der Musik macht viele Selbstversuche möglich und macht die Krankheit des Lebens Nietzsche lebenswert. Vor allem ist es aber der Alltag, indem man sich gerne der Lust am Ärger hingibt. Das ist gefĂ€hrlich und kann die Seele vorzeitig sauer werden lassen. Die Experimentierlust ist hier nicht nur möglich, sondern notwendig, um herauszubekommen, wo man sich am abschĂŒssigen Behagen wĂ€rmt.

Philosophie als Experiment ist Gebrauchsanweisung, Kochrezept, ReisefĂŒhrer und Anleitung zum (Un)glĂŒcklichsein in einem. Es lockt Begriff und Theorie aus den BĂŒchern heraus und erweckt sie zum Leben. Dabei nimmt sie aus allen Laboren etwas mit, aus der Psychiatrie, aus dem Krieg, dem Kloster und dem GefĂ€ngnis. Dort wird oft ohne es zu wissen auf Kosten der Versuchspersonen experimentiert. Was dabei der Schaden einiger ist, wird zu einer Fundgrube fĂŒr Experimentierfreudige. Denn darin finden sich Bahnen und Ahnungen, denen man versuchsweise nachgehen kann. Der Ort der Versuche ist dabei das Leben selbst, wo es auch stattfindet. Es ist nicht die Bibliothek, nicht das Lesen oder Denken, sondern das Ausprobieren, Scheitern und Gelingen.