Der Liebesmuskel

Wenn Muskeln einander ber├╝hren, werden sie in ihrer sachlichen Anwesenheit oft entschieden unsachlich. Das passiert so beim Lachen, bei dem Zwerchfell, Bauch- und Brustmuskeln zur Lachr├Âhre werden. Beim Lachen strengt man seine Muskeln an, um auszuatmen und h├Ąlt diesen Atem gleichzeitig immer wieder kurz an. Ein Umsturz im Sektor Humor ist die Folge.

Lachkondensator und Lachkonserve wird man also nur so, dass es im K├Ârper gegeneinander arbeitet. Man braucht also einen hoch qualifizierten Widerstand, der sich nicht selbst aufhebt, sondern sich zum Lachen hochschaukelt. So ein Gegeneinander der Muskeln l├Ąsst sich auch gut beim Kitzeln beobachten: ein kleiner Reiz an der Fu├čsohle mit einer Feder bringt den ganzen K├Ârper in Muskelbewegungen, die das Kitzeln hervorbringen. Ohne diese Muskelarbeit kann man nicht gekitzelt werden. Und man ist auch kein ernsthafter Lachanw├Ąrter, wird die Schwelle des Lachens nie ├╝berschreiten, wenn man die Lachmuskeln nicht anspricht.

Arbeiten die Muskeln aber in einigen Details anders miteinander und gegeneinander, so wird man nicht mehr zur Lachmaterie. Stattdessen weint man. Der K├Ârper wird als Ding unter Dingen zum Gef├╝hl, das die sachliche Anwesenheit mit sich ├╝berstrahlt. Dabei wird das Zwerchfell wird beim Weinen anders als beim Lachen bewegt. Es steht unter Dauerdruck, der nur in kleinsten Portionen gemindert wird. Erst in der zweiten Phase des Weinens, beim Schluchzen, ger├Ąt die Erleichterung durch ruckartiges Einatmen wieder in den Vordergrund. Das Schluchzen entkrampft die Weinmuskulatur, die so stark angespannt ist, dass sie Schluchzer zur Entladung auch dringend braucht.

Nicht Lachen und nicht Weinen wird der sogenannte Liebesmuskel, der eigentlich Musculus pubococcygeus hei├čt. Er wird zur sexuellen Lust und verl├Ąuft vom Schambein zum Stei├čbein und steht mit allen anderen Muskeln des Unterleibs direkt oder ├╝ber eine oder zwei Stationen in Verbindung. Man kann den PC-Muskel leicht ersp├╝ren, wenn man ihn beim Urinieren anstrengt und den Pinkelvorgang so unterbricht. Auch beim Husten oder Niesen sp├╝rt man ihn. Er ist einer der Hauptverd├Ąchtigen f├╝r sexuelle Lust, aber es konnte ihm bislang nichts Konkretes nachgewiesen werden. Die L├╝ste, die aus ihm kommen, wurden nur eingekreist, konnten aber durch keine ├ťbung wirklich erschlossen werden.

Der Liebesmuskel ist Teil der Beckenbodenmuskulatur, das als muskul├Âses Grundger├╝st das Becken nach unten hin verschlie├čt. Es stabilisiert so die von oben dr├╝ckenden Organe, die nicht durchsacken k├Ânnen. Enddarm, Harnr├Âhre, Vagina und Peniswurzel sind darin eingewoben und damit fixiert. Bewegt man also die Muskeln des Beckenbodens, bewegt man zugleich auch Vagina, Prostata und Penis. Das ist erotisch interessant, weil man so eine Ber├╝hrung an der Oberfl├Ąche des K├Ârpers in das K├Ârperinnere bringen kann. ├ähnlich wie beim Lachen, wo man durch gehemmte Kontraktionen des Zwerchfells zur Lust kommt, geschieht das auch durch die Muskeln des Beckenbodens, die durch ein gezieltes Gegeneinander und Miteinander unsachlich und zum erotischen Gef├╝hl werden.

Wenn man die Muskeln des Beckenbodens nicht recht einzusetzen wei├č, dann werden die Ber├╝hrungen an der Oberfl├Ąche bleiben. Auch der klassische Geschlechtsverkehr ├Ąndert daran nichts, da der Penis dabei wohl in die Vagina tief eindringt, dort aber wiederum an der Oberfl├Ąche bleibt. Der Liebesmuskel braucht zusammen mit den anderen Muskeln des Beckens eine deutliche Ansprache, in der die oberfl├Ąchlichen Ber├╝hrungen unter die Haut gehen. Eine immer noch ├Ąu├čerliche Ber├╝hrung wird so in die Tiefe geleitet, dass die Muskeln untereinander ber├╝hren und darin zur Lust werden. Das gelingt durch ein einvernehmliches Gegeneinander der Muskeln, die eine Kraft wirken lassen, von der fast alles in den Muskeln bleibt und darin Gef├╝hl wird. Die Ber├╝hrungen k├Ânnen dabei in die Tiefe gehen und aus ihr kommen und die Ber├╝hrungen von Haut auf Haut st├Ąrken. Bei gutem Sex ist beides gleichzeitig der Fall. Es gibt eine Wirkung von Au├čen nach Innen so wie umgekehrt.

So stellt sich die praktische Frage, wie man die Strecke vom Ding zum Gef├╝hl zur├╝cklegt. Das Ding Muskel wir beim Lachen zum Gef├╝hl durch ruckartige Anspannung und Entspannung. Beim Weinen ist es ├Ąhnlich und auch beim Liebesmuskel geht es so. Dabei f├Ąngt man mit kleinen und eher unscheinbaren Gef├╝hlsdurchblendungen an und kann von dort aus zu gr├Â├čeren Gef├╝hle ├╝bergehen. Man muss also eine Strecke zur├╝cklegen, in der die Dinge als Muskeln zum Gef├╝hl werden und von dort aus zu anderen Gef├╝hlen werden.

Wenn man die Muskeln im Becken in der vagen Hoffnung anspannt und entspannt, dass dabei neue erotische L├╝ste herauskommen, der wird das Gef├╝hl von Widerstand und Schwerg├Ąngigkeit erzielen. Ein Teil der Muskeln erzeugt dann mechanischen Stress und ein anderer Teil muss ihn auffangen, abfedern und daf├╝r sorgen, dass er neutralisiert wird. Anders geht es, wenn man Leichtigkeit als Gef├╝hl im Unterleib durch Muskelarbeit ansiedelt.

Greifen Muskeln ineinander, kommt es in dieser Ber├╝hrung zum Ergreifen von Gef├╝hlen. Die Leichtigkeit geh├Ârt dazu. Man kann durch Yoga, Pilates oder durch Tanzen gut in sich erleben, wie durch Anstrengung der Muskeln Leichtigkeit aufsteigt. Die Lust an der Leichtigkeit als euphorisches Gef├╝hl hat dabei nichts mit einem Gewichtsverlust zu tun, so wenig, wie die Enge mit einem heftigen Gedr├╝cktwerden von allen Seiten zu tun hat. Wer sich freut, der f├╝hlt sich leicht. Und er f├╝hlt sich leicht, indem er seine Muskeln miteinander und gegeneinander bewegt.

Wird man leicht, dann ├Ąndert sich das Gewicht des K├Ârpers nicht. Der gef├╝hlte Leib wird leicht, erh├Ąlt Auftrieb und hebt die Gravitation auf. Im Yoga schafft man sich seine Leichtigkeit durch Widerstand der Muskeln, die gegeneinander arbeiten. Diese Arbeit ist nach au├čen hin ohne Sinn, aber sie hebt den K├Ârper aus seiner sonstigen Beschwerlichkeit und Last heraus und f├Ąrbt mit der Leichtigkeit auf das ganze Leben ab, das nun leicht wird und nicht mehr widerst├Ąndig und z├Ąh ist.

Will man seinen Liebesmuskel entwickeln, dann f├Ąngt man mit so einem einfachen Gef├╝hl wie der Leichtigkeit an. Es steckt nicht exklusiv im PC-Muskel, sondern in allen Muskeln. Das macht es so leicht, die Schwerelosigkeit anzusprechen und mit einer der vielen M├Âglichkeiten f├╝r sich sicher zu erschlie├čen. Sex f├Ąngt also nicht mit Sex an, sondern mit dem Tanz, der Leichtigkeit aufsteigen l├Ąsst, mit Pilates oder Yoga. Der Liebesmuskel braucht diese elementare Gef├╝hlsfarbe, um von dort zu anderen Gef├╝hlen durchzublenden. Es gibt nicht die M├Âglichkeit wie beim Lachen von jetzt auf gleich durch Muskelanstrengungen sein Leibgef├╝hl zu wandeln. Die Wandlung vom K├Ârper zum Gef├╝hl, vom Muskel zum Empfinden und von der Sehne und dem Bindegewebe zum Behagen geht meist von einigen elementaren Gef├╝hlen aus, auf die andere folgen k├Ânnen.

Diese Durchblendung gelingt sehr schnell, hat man viele Gef├╝hlsfarben gemeistert, kennt man Leichtigkeit, N├Ąhe, Weite, Enge und Anstrengungslosigkeit. Auch wenn man sie sonst in ganz anderen Situationen erf├Ąhrt, beim Ringkampf, Klettern oder Segeln, kann man sie aus dem gut entwickelten Leibged├Ąchtnis in Sex einbringen. Der Funke springt dann schnell ├╝ber und man bleibt nicht bei Trocken├╝bungen stehen, die als Gef├╝hl nur die Anstrengung kennen. Das Bett ist nicht der Ort daf├╝r, den sexuellen Unterbau zu erlernen. Er ergibt sich aus den leibhaften Erfahrungen und F├Ąhigkeiten, die man au├čerhalb der Erotik gesammelt hat und bei Gelegenheit ohne einen Gedanken daran einflie├čen l├Ąsst.

Um zu den Gef├╝hlsfarben und zum schnellen Durchblenden kommen, braucht man eine freie Beweglichkeit der Muskeln im Beckenboden. Die Beckenbodenmuskulatur besteht aus mehreren Schichten, die ├╝bereinander, untereinander und ineinander verlaufen. Oft ist es dabei leider so, dass die einzelnen Muskeln nur in bestimmten Gruppen bewegt werden k├Ânnen und so die Ansprache kleinerer Muskelkonstellationen verhindert. Der Muskeltonus ist dabei so stark erh├Âht, das eine Verh├Ąrtung und Verspannung einsetzt.

Penis, Vagina und die Muskeln um sie herum sind zwar blind und taub. Sie k├Ânnen auch nicht riechen und nicht schmecken. Sie haben aber einen besonderen Sinn, da sie ihre Lage zu den benachbarten Muskeln sehr genau kennen. Genauer erfassen sie, welche Kr├Ąfteverh├Ąltnisse innerhalb der Muskulatur gegeben sind und wie sie sich zu den anderen Muskeln bewegen k├Ânnen. Man nennt es Kraftsinn und meint damit die F├Ąhigkeit, durch leichtes Anspannen der Muskeln sehr genau das Gewicht eines Gegenstandes zu ermitteln. In den Muskeln befinden sich Muskelspindeln, die erkennen k├Ânnen, wie viel Kraft aufgewendet werden muss, um etwas zu bewegen. Was f├╝r ├Ąu├čere Dinge gilt, hat auch im K├Ârper selber seine G├╝ltigkeit. Jeder Muskel kann so ein praktisches Wissen in sich tragen, wie er kr├Ąftem├Ą├čig zu seinen muskul├Ąren Gegenspielern, Mitspielern und Hilfsmuskeln steht.

Wenn man nun auf besseren Sex aus ist, so braucht man diesen Kraftsinn, weil er die Verh├Ąltnisse im Becken sehr genau abbildet. Oft merkt man ja gar nicht, wie angespannt man ist und wie gesund oder ungesund der Muskeltonus ist. Wer bei starkem Stress die Treppe hochsteigt und dabei alle Muskeln mitanspannt, der merkt schnell, dass er ankrampft. Aber beim Sex hat man h├Ąufig gar keinen Sinn daf├╝r. Durch den gesch├Ąrften Kraftsinn der Muskelspindeln kann man sich aber ein gutes Bild der Situation vor Ort verschaffen. Man sieht dann nicht in sein eigenes Becken hinein, sondern f├╝hlt unwillk├╝rlich und ohne Begriffe, wie der eine Muskel zum anderen steht.

Was der Uhrmacher in den H├Ąnden an Kraftsinn hat und der Violinespieler noch dazu in Armen und Schultern, das braucht man im Unterleib f├╝r guten und gelungenen Sex. Die Muskelanstrengungen bewegen bei ihnen nicht nur Gegenst├Ąnde, sie bilden auch die Kr├Ąftekonstellation innerhalb des Leibes und zur Welt genau ab. Vagina und Penis k├Ânnen in ihrer muskul├Ąren Verwurzelung genauso sehend werden. Meistens sind sie blind oder doch schwer sehbehindert. Man muss sich erst eingehend mit dem Kraftsinn im Becken besch├Ąftigen, um so weit zu kommen wie der Uhrmacher.

Der Kraftsinn dient nat├╝rlich dazu, so wie beim Lachen oder beim Weinen die richtigen Muskeln im richtigen Rhythmus anzusprechen. Es geht dabei um eine konzertierte Hemmung, beinahe um einen einvernehmlichen Krampf, der Lust ergibt. Diese Figuren der inneren Bewegung kann man durch nichts erzwingen. Sie sind nicht planbar und durch keine noch so perfekte Nachahmung erreichbar.

Der ├ťbergang zur Unsachlichkeit beginnt mit unscheinbaren Gef├╝hlen. Dieses Anspringen hat immer auch mit der Bildung von N├Ąhe zu sich selbst zu tun. Der ganze Leib wird im Sex dabei von dieser N├Ąhe erfasst und kann davon ausgehend an bestimmten Stellen wieder neue Gef├╝hlsfarben bilden. Was z├Ąhlt, ist also nicht nur die Lust an der Zugeh├Ârigkeit, sondern auch der ├ťbergang ├╝berhaupt in das Unsachlichwerden, von dem aus neue Gef├╝hle greifbar werden. Tats├Ąchlich ergreift man dabei Gef├╝hle konkret, indem Muskeln ineinander greifen.

Der PC-Muskel f├╝hrt ein Doppelleben. Das eine f├╝hrt er unter dem Namen Musculus pubococcygeus und sorgt f├╝r Stabilit├Ąt im Unterleib, f├╝r die Kontrolle der Blase und packt mit an, wenn man etwas Schweres hebt. Der Liebesmuskel hingegen ist wie der G-Punkt kein Ding, sondern ist Gef├╝hl gewordener Muskel. Da man im PC-Muskel meist kaum etwas sp├╝rt, hat man also nicht durchgehend einen Liebesmuskel. Sicher hat man nur seinen Doppelg├Ąnger.

Ein gut angelernter Liebesmuskel besitzt ein praktisches Wissen, wie man aus Muskeln durch Ber├╝hrungen Gef├╝hle macht. Dazu braucht er einen gut ausgepr├Ągten Kraftsinn, der zeigt, wie die Muskeln zueinander stehen. Er braucht auch eine Reihe von Gef├╝hlsfarben, die jeweils durch bestimmte Techniken hervorgekitzelt werden k├Ânnen. Die einfache Farbe der Anstrengungslosigkeit muss man in sich leiblich gemeistert haben, sei es durch einen Marathonlauf, durch Tanzen oder durch Yoga. Das gilt auch f├╝r das Gef├╝hl der Meinhaftigkeit, f├╝r die N├Ąhe zu sich, f├╝r die Anstrengungslosigkeit, f├╝r die Weite und Enge, so wie f├╝r de Macht- und Kraftgef├╝hle.

Der Liebesmuskel, der sich gut auskennt, kann in ganz kurzer Zeit diese Gef├╝hlsfarben durchlaufen und so zur eigentlichen Erotik kommen. Er ist dann in der Lage, Ber├╝hrungen von Au├čen in die Tiefe des Leibes aufzunehmen und dort zur Lust werden zu lassen. Zugleich kann er aus genau dieser Tiefe die Ber├╝hrungen von Haut auf Haut neu und intensiver erstrahlen lassen. Dabei werden letzthin alle Muskeln des K├Ârpers eingesetzt, so insbesondere die Muskeln der Oberschenkel, das Zwerchfell und die Bauchmuskulatur.

Auf diese Weise mit Gef├╝hlen gut ausger├╝stet, kann man auch den Orgasmus in Reichweite meistern. Bei ihm geht es darum, den Moment der Selbststeigerung vor dem H├Âhepunkt so geschickt zu nutzen, dass die Kraftzunahme zu einem Mehr an Lust wird, ohne sich schon bald in einem kurzen Feuerwerk zu verpowern. Um sich in diesem Gef├╝hlsraum sicher zu bewegen, muss man das Baugef├╝hl mit Selbststeigerung und den Gef├╝hlsfarben um Weitung, Engung, Leichtigkeit, N├Ąhe zu sich wie Macht und Kraft kombinieren. Die Erotisierung muss unter die Haut gehen, genauer in die Tiefe der Muskeln, die einander ber├╝hren und sich so zu Gef├╝hlen werden. So kann man die erforderliche erotische Weite innerhalb des eigenen Leibes aufbauen. Mit ihr kann man den Orgasmus im Herannahen f├╝r sich nutzen. Ob man dabei zur Meisterschaft gekommen ist, merkt man daran, solange die Lust anzuzapfen, bis man keine Lust mehr auf die Lust hat. Auch die Gen├╝sse strengen n├Ąmlich an. Hat man sie ohne Ende, so merkt man irgendwann, die Lust nicht mehr auszuhalten, weil man zu ersch├Âpft ist. Wenn sich diese Art der Ersch├Âpfung einstellt, wei├č man, das man den Orgasmus in Reichweite gemeistert hat.