Psychotherapie des guten Lebens

Wer ist eigentlich für das gute Leben zuständig? Für das schlechte Leben sind es die Psychotherapeuten. Sie sind auf der Strecke „pathologisch – normal“ zu Hause. Aber was ist mit den Menschen, denen es nicht schlecht, aber eben auch nicht gut geht? Wer ist für Zufriedenheit, Lust und Glück zuständig?

Es gibt keine Psychotherapie des guten Lebens, aber man kann mit einfachen Mitteln aus den Formen scheiternden Lebens auf Lust und Glück schließen. Zum Beispiel ist die Depression reiner Unwille an der Tatsache zu existieren, seinen Leib zu spüren und zu atmen. Formal lässt sich das als Tautologie so fassen, dass man sich selbst nicht mag, weil man existiert. Im nächsten Schritt kann man diese Tautologie umkehren, wonach gilt, dass man sich an etwas freut, bloß weil man ist.

Der Aufstieg dieser Tatsache ist durch so etwas einfaches möglich, wie im Winter in eiskaltes Wasser zu springen, um nach einigen Minuten, wenn man wieder auf dem Trockenen und im Warmen ist, eine Lust am leiblichen Sosein zu entwickeln. So wie in der Sauna, wo mit einem Übermaß an Hitze gearbeitet wird, entsteht dabei ein Behagen an der Tatsache, dass man existiert.

Eisbad und Sauna sind nur zwei Phänomene, die eine geringe Bedeutung haben. Will man das Gegenteil einer Depression alltäglich leben, braucht man noch viele weitere Phänomene der gehobenen Tatsachen, um diese dann zu einem Hochland für sich verdichten zu können. Die dialektische Phänomenologie kann das leisten und damit als einen Gegenentwurf zur Depression fundieren. Darin findet sich ein Beitrag zu einer positiven Psychotherapie. Diese wiederum ist aber erst dann bestimmt, wenn sie mehr als diesen einen dialektischen Gegenentwurf zur Pathologie aufweist. Sie braucht eine kritische Masse, die in der Folge anhand weiterer Anwendungen entwickelt wird.

Wer weder krank, noch unglücklich aber eben auch nicht glücklich ist, der ist in seinem Wunsch nach Sinn, Genuss und Fülle auf eine umfangreiche Änderung seines Lebens aus, da das Glück nicht bloß durch die Veränderung einiger Details wirklich werden kann. Er braucht keine Therapie wie z.B. der Alkoholiker, muss sich aber ebenso neu bestimmen und erfinden. Eine Psychotherapie des guten Leben als Angebot könnte dabei hilfreich sein, existiert aber nicht.

Zum normalen Leben gehört es, etwas nicht zu mögen, weil man es schon zu oft gesehen hat. Wenn also der Nachbar im Garten steht und man ihm vom Fenster aus sieht, so erzeugt er oft Verdruss. Man hat allein deswegen gegen ihn etwas, weil man ihn schon seit Jahr und Tag sieht. Weil er da ist, mag man ihn nicht. Nimmt dabei alle Empfindungen der Akedia zusammen, so kommt man auf eine größere Summe. Man ist im Alltag durchdrungen von erschöpften Gestalten, Möbeln, Landschaften und natürlich von sich selbst.

Therapieziel der glückseligen Psychotherapie ist es daher, diese Verdrießlichkeiten aufzuheben und stattdessen viele kleine und einige große Lüste am Dasein zu verwirklichen. Sehr anspruchslos ist diesbezüglich das Fasten. Der leere Magen wird nämlich nach drei oder vier Tagen Nüchternheit eine ebenso nüchterne Euphorie ausstrahlen. Diese Hochstimmung durchströmt als nüchterne Glückseligkeit den ganzen Körper und lässt die schwierigen ersten Tage des Fastens vergessen. Magen und Darm erzeugen dabei ein Hochland der Nüchternheit als Behaglichkeit und In-sich-Vergnügtsein. Auf diese Weise werden Nüchternheit und Rausch glücklich miteinander kombiniert, so dass der Fastende ohne die Verwirrung des Weintrinkers in den Superlativ der Nüchternheit hineinkommt.

Das Fasten nutzt den Umstand, dass der Magen ein nervöser Ort ist, der sein Behagen oder Unbehagen auf den ganzen Leib ausstrahlt. Dieser zweite Geschmack, der weder salzig, noch süß, noch sauer oder bitter schmecken kann, ermöglicht es im Fasten, ohne Anstrengung man selbst zu sein, sich darin zu mögen und sich mögen zu dürfen.

Wem das zu viel an Enthaltsamkeit abverlangt, der kann auch mit einem gut liegenden Steak eine Freude am eigenen Leib erzeugen. Weil man den gefüllten Magen spürt, gefällt man sich, so dass im bloßen Anwesendsein der Grund für das gastronomische Behagen gegeben ist. Dieses Eigenlob entfaltet sich ohne jeden Abstrich an sich und greift nicht auf Inhalte, Symbole oder besondere Eigenschaften zurück. Es beeindruckt sich selbst, nimmt sich wichtig und wird so an sich gewichtig. Das Steak schmeckt dann nicht mehr zart oder herzhaft, sondern ist ein Geschmack der anderen Art geworden.

„Dat was heerlijk, nu even lekker uitbuiken.“, sagt der Niederländer und will mit Ausbauchen (uitbuiken) sagen, dass er nach dem Essen jede konkrete Eigenschaft besiegt hat und sich einfach wohlfühlt. Statt Schnitzelstarre kommt er in die Lust am Sosein. Jeder Mensch besitzt daher seine eigenen Strategien, aus innerer Leere erlebte Fülle zu machen. Eine davon ist das Schweigen, in der in einem scheinbaren Nichts eine Lebendigkeit aufsteigt, die darin wiederum eine Freude für sich ist, so dass die Leere zur Fülle und zum Wohlbehagen führt. Im Schweigen wird man zu einem Niemand ohne Rang und Namen, was ein Gewinn und kein Verlust ist, da man darin umso mehr bei sich selbst ist. Man ist sich darin eine Kraft, die keine Formen, Farben, keine Eigenschaften und kein Ich kennt und gerade darin eine Freude ist. Das Schweigen erhebt sich also selbst zum Ereignis und wird sich sein eigener Inhalt, der nur deswegen Leere genannt wird, weil in ihm kein Denken, Vorstellen und Wollen und überhaupt nichts Sichtbares und Greifbares ist. Eine Fülle ist es sich darin, als Fühlen eine Präsenz zu bilden, die sich ihr eigenes und einziges Kriterium ist.

Massage, Yoga, Meditation, Kalligraphie, ein gutes Steak, Fasten, Saunieren etc. ergeben eine lange Liste der Möglichkeiten, sich selbst unsachlich zu werden. Diese Zugänge zur Tautologie ermöglichen in der Summe einen sicheren Zugang im Alltag zur gehobenen Tatsache. Mehr als eine kumulierte Praxis braucht man dazu aber auch eine abstrakte Vorstellung von der Tautologie als Glückseligkeit, die ja gerade in der Emanzipation von konkreten Eigenschaften in der Bildung konkreter Bezüge besteht. Es findet sich eine Gegenläufigkeit von Konkretion und Verallgemeinerung, die als Selbstmächtigkeit des Lebens zu entdecken ist. Die Lust an der Eigenschaftslosigkeit auf Basis ganz bestimmter Tätigkeiten bzw. Konstellationen ist eine Großzügigkeit des Lebens selbst, so wie sie umgekehrt in der Depression erlebt wird. Der Depressive durchläuft seinen pathologischen Missmut in allen Stadien, weil er nicht anders kann, während die meisten Menschen die Abweichung von der bloßen Tatsachen zum Glück hin bestenfalls streifen und sie ansonsten unbeachtet lassen. Sie werden dabei dadurch ermuntert, dass die Ataraxie ästhetisch marginalisiert wird (Sonnenuntergang am Meeresstrand, Liebe) und keine Begrifflichkeit aufweist, in der die heterogenen Tautologie-Erfahrungen systematisiert wären.

 

 

 

 

 

Die Basis: Phä|no|me|no|lo|gie

Die Phänomenologie ist die Lehre von den Phänomenen. Sie versteht sich zunächst als Handwerk zur Beschreibung der Phänomene. Das überraschte Gesicht eines Menschen, der stolpert und hinfällt, ist so ein Phänomen. Es sprachlich zu beschreiben braucht dabei den richtigen Blick, der auch das gerade soeben Vergangene und das erst noch Geschehende mit erfasst. Möglichkeit und Wirklichkeit bilden für den Stolpernden eine Einheit, die der Phänomenologe erfasst. Was möglich ist, das ist schon wirklich, und die phänomenologische Kunst besteht darin, diese Möglichkeiten einzufangen.

Die phänomenologische Methode der Beschreibung wurde von Edmund Husserl (1859-1938) begründet. Die Deskription ist dabei die Vorbereitung für die Erfassung des Wesens des Phänomens (Eidos). Das Wesen besteht nicht nur darin, das Typische eine Gegenstande, einer Farbe oder einer logischen Verbindung herauszustellen. Es besteht auch in der Weise der Erscheinung, in der so genannten Phänomenalität, dem Bewusstsein vor jedem Inhalt.

Mehr über die Phänomenologie unter:

Volltext: Pierre Janet und die Psychotherapie des guten Lebens
Sebastian Knöpker

in: Schlüsselthemen der Psychotherapie Herausgegeben von Uwe Wolfradt

Pabst Science Publishers, 2017, ISBN-13: 9783958533400

Selbststeigerung

Ein depressiv verstimmter Mensch betreibt stetige Selbstverkleinerung und Selbstabdankung. In dieser Selbstverminderung gibt es eine unendliche Abwärtsspirale, in der man das Gefühl hat, immer noch immer weniger an Kraft und Energie zu besitzen. Dieser ewige Verlust ist also nicht so wie bei einem Reifen, der Luft verliert, irgendwann platt ist und nichts mehr verlieren kann. Der depressiv Verstimmte kann nämlich in seinem Fühlen unbeschränkt lange an Kraft verlieren, so wie der Verzweifelte sich immer noch verzweifelter fühlt und der müde Mensch sich in seiner Müdigkeit noch immer weiter steigert.

Das lässt sich in das gute Leben umkehren. Denn es gibt nicht eine feststehende Energiesumme oder einen Etat, den ein Mensch mehr oder minder sinnvoll anlegen kann. Lebendigkeit und Kraft ergeben sich bei ihm wesentlich aus Anstrengung. Was eigentlich Kraft kosten sollte, kann einen Kraftzuwachs ergeben und was durch Kraftersparnis eine Bewahrung von Energie ergeben sollte, kann zu einer Erschlaffung führen.

Es gibt eine eigene Kunst des Widerstandes, sich im Inneren des Widerständigen zu bewegen und in das, was man macht, hineinzukommen. Wer gerne segelt, der begibt sich in ein solches Spiel von Widerstand und Vorwärtskommen, das elementar darauf beruht, Kraft und Gegenkraft an sich zu erfahren. Und wer es mag, Kalbszunge und Meerrettichsauce zuzubereiten, der wird ganz im Häuten der Zunge und im Raspeln des Rettich eingetaucht sein. Erst wenn er die Unvorsichtigkeit begeht, sich vorzustellen, was er noch alles machen muss, wird er aus dem Widerstand herausfallen und plötzlich ein Anstrengungsgefühl empfinden. Mit der Perspektive von Außen bricht die Seinssteigerung zusammen und an ihre Stelle tritt Mühseligkeit.

Das spricht scheinbar für die Menschen, die von vorneherein jedes Hindernis meiden, um auf diese Weise ihre Kräfte zu schonen. Wenn die Energiesparmaßnahmen dabei Überhand nehmen, wird allerdings die eingesparte Kraft nicht einen Bonus bilden. Sie wird sich verringern und einen Schwund bilden, da das Leben kein Kapital ist, dass sich verlustfrei zwischenspeichern lässt. Man muss es zirkulieren lassen, immer wieder in Widerstand einbringen und tut man das nicht, so wird sich das Leben an sich selbst entzünden, Langeweile, Sorgen und Probleme hervorbringen, um sich doch noch an sich zu erfahren.

Was für sich betrachtet gut ist, nämlich die Fähigkeit der Lebendigkeit im Menschen, sich durch Verausgabung zu steigern, wird hier zu einem Problem, da die Steigerung nicht nur eine Möglichkeit, sondern auch eine Notwendigkeit ist. Im Zweifelsfall sorgt jeder Mensch bei Unterbeschäftigung selber für Friktion und Widerstand, beispielsweise durch die Lust an der Lebendigkeit des Ärgers.

Einen guten Geschmack am Widerstand zu finden, bedeutet allgemein, sich ganz unterschiedliche Sorten von Herausforderungen zu schaffen. Es geht darum, sich selber seinen Widerstand zu wählen und dabei auch tatsächlich sehr wählerisch zu sein, obwohl es scheinbar eine Überangebot an Hindernissen zu geben scheint. Diese Souveränität aber, sich eigenständig eine Kultur des Widerstandes als Steigerung des eigenen Selbst zu bilden, ist dafür notwendig, die besondere Ökonomie des Lebens zu leben.

Ist es also das therapeutische Ziel, den Depressiven aus dem Loch, in dem er nicht sitzt, sondern in das er immer weiter fällt, zu befreien, so dass dieser sich wieder an Widerstand heranwagt, so geht es beim zufriedenen Menschen um mehr. Er will das, was an Steigerungspotenzial in ihm steckt, durch eine Kunst des Widerstandes erschließen, die sich keine Vorschriften von Außen macht und im Segeln so wie im Klettern, im Dienst bei der Freiwilligen Feuerwehr oder im Kochen bestehen kann.

Die Glückstherapie

Die Suche nach Genuss und Glückseligkeit hat einen schlechten Ruf, weil sich viele Lustsucher ihre Freuden ohne Aufschub und langwierige Vorbereitungen haben möchten. Dadurch schrumpft der Kreis möglicher Lüste auf einige Klassiker rund um gutes Essen, Wein und Luxus. Man sitzt dann am gedeckten Tisch und kann nur die Annehmlichkeiten erleben, die von selbst kommen.

Deutlich mehr macht der Glückssucher, der verstanden hat, dass manche Freuden nur Wirklichkeit werden, überwindet man einen toten Punkt, nach dem sich die Lust bereitwillig mitteilt. Wer gerne wandert oder klettert, investiert seine Energie ohne zu murren in eine Serie von Anstrengungen. Dadurch erweitert sich der Radius der Freuden erheblich, denn man kann dann das entdecken, was sich erst nach viel Mühe zeigt.

Der Marathonläufer erläuft sich eine echte Glückseligkeit, indem er sich erst aus seiner Komfortzone bewegt, um nach einer Durststrecke gesteigertes Behagen zu erleben. Man kann aber noch mehr wagen, indem man gleich ein anderes Menschsein in sich erprobt, um bestimmte Genüsse zu erleben. Wer beispielsweise im Schweigen eine Leere als Fülle und Freude verwirklichen will, der wird nicht durch viel Mühe und viel Zeit alleine an sein Ziel kommen. In der Anwesenheit von sich selbst eine Freude ohne Denken und Tun zu empfinden, braucht nämlich so weitreichende Veränderungen, dass man in den Bereich der Therapie hineinkommt. Die Umbaumaßnahmen am eigenen Selbst sind so umfangreich, das man ein anderer wird. Normalerweise wird man das nur dann auf sich nehmen, wenn man in einer schweren Krise ist, aber auch der Wunsch nach einem guten und erfüllten Leben kann zu einer solchen Therapie der Psyche führen.

Die Verbindung zwischen Therapie und Glück ist damit plausibel skizziert. Die Verbindung zwischen der Psychotherapie und dem Hedonismus als Therapie ergibt sich wiederum aus mindestens zwei Aspekten. Die Psychologie konnte nie definieren, was unter normal zu verstehen ist. Letztlich meint „normal“ wie im Falle der Gesundheit die Abwesenheit von Krankheit und schweren psychischen Beeinträchtigungen. Diese negative Bestimmung ist einseitig, da sie die Abweichung zum glücklichen Menschen nicht heranzieht, wodurch das Normale durch zwei gegensätzliche Pole besser bestimmt werden könnte.

Wie anhand der Beispiele gezeigt, kann die Schlange dadurch zum Drachen werden, dass sie sich von anderen Schlangen ernährt. Phänomenologisch heißt das, zur Glückseligkeit (Drache) so kommen zu können, sich von lauter kleinen Phänomenen zu nähren, die man durch geschickte Akkumulation und dialektische Wendung zu praktizierbaren Formen des Glücks zu gelangen. Der Aufstieg zu hedonistisch höheren Formen des Daseins gelingt also dadurch, geduldig Phänomenbestände u.a. aus der Psychopathologie durchzugehen, um mit ihnen dialektisch zu arbeiten.