Erotische Massage

Umarmungen sind oft zu lasch. Ein Händedruck oft zu fest. Küsse sind manchmal zu flüchtig, amateurhaft aufgehaucht oder zu sehr gewollt und daher aufdringlich. Auch der Blümchensex ist häufig so harmlos wie der Bestäubungsvorgang von Blüten durch Honigbienen. Was fehlt, ist der Druck und die Griffigkeit in der Berührung. Denn ohne jeden Widerstand und Nachdruck geht der Erotik offenkundig etwas ab.

Zu viel Härte hingegen wird beim Sadomaso-Sex eingesetzt. Mit Schwung dem Mann die Knie zwischen die Beine rammen, kann bei ihm einen Abdreher, einen Kuschelabdreher hervorbringen. Aber auch wenn manche Menschen auf Gewalt stehen und noch Tage danach mit einem weichen Blick durch die Gegend laufen, stimmt hier die Dosierung nicht. Zu viel Sanftheit wie beim Blümchensex ist schlecht, zu viel Grobheit auch. Oder noch anders ausgedrückt: die reine Berührung verschafft wenig Lust, so wie zu viel Druck und Nachdruck für Verdruss sorgen. Kraft und Widerstand am Körper lustvoll zu erleben, gelingt auf sehr einfache Weise in der Massage. Man wird darin gewalkt, gestoßen und geknetet, um so in die richtige Schwingung zu geraten. Jedes Gefühl ist dabei nicht nur angenehm oder unangenehm, kraftvoll oder kraftlos, sondern auch in sich bewegt. Dieses In-sich-Bewegtsein ist kein Zittern, kein äußeres Vibrieren, kein Bibbern und kein Hin- und Herschwingen. Es ist eine Eigenbewegung des Fühlens, die nach Außen hin völlig unbewegt ist. Es ist ein In-sich-Schwingen, das beispielsweise den Frust wesentlich ausmacht, bei dem man von einer Kraft durchdrungen ist, die in sich bewegt ist. Wer sich auf eine Massage einlässt, kann diesen inneren Widerstand aufklopfen lassen und zu einem positiven In-sich-Schwingen gelangen. Das gilt genauso für die Erotik, in der Lust und Freude nicht nur in sich bewegt sind, sondern in diesem Pulsieren den Genuss und die Lust erst wesentlich ausmachen.

Was man so an sich erfährt, ist die innere Bewegung des Fühlens: jedes Gefühl schwingt auf die Weise in sich, eine dauernde Annäherung und Entfernung von sich zu bewirken, ohne dass dadurch das Fühlen in Distanz zu sich geraten würde. Bei diesem In-sich-Schwingen ist in jedem Punkt die Bewegung des Schwingens in Nichts von sich entfernt. Sie kann sich aber dennoch in sich bewegen und darin ein unangenehmer Widerstand sein, sich bremsen oder Behagen erzeugen. Das entspricht nicht unserem physikalischen Weltbild, trifft aber das Empfinden sehr genau.

Was paradox anmutet, ist es nicht, erinnert man sich an das Zittern, bei dem eine äußere Bewegung mit dem Gefühl des Zitterns einhergeht. Man kann aber genauso gut ohne äußeres Zittern innerlich Bibbern. In diesem Fall hat man ein Pulsieren, das mit dem Körper als Ding in der Welt nichts zu tun hat, weil der ja unbewegt bleibt. Dasselbe Phänomen zeigt sich auch sich beim langanhaltenden Weinen, bei dem man im wahrsten Sinne des Wortes innerlich erbebt. Weint man sehr lange, dann versiegen irgendwann die Tränen und Schluchzer und es tritt eine äußere Ruhe ein, die mit einer inneren Unruhe als In-sich-Erbeben einhergeht. Das Weinen braucht also keine nassen Tränen oder äußere Bewegungen, um in sich bewegt zu sein.

Ist man beispielsweise über einige Wochen und Monate hinweg in einen frustrierenden Alltag eingetaucht, in dem auch die kleineren unter den kleinen Besorgungen nicht recht funktionieren wollen, dann schlägt sich der Weltwiderstand im Körpergefühl dauerhaft nieder. Der Frust, dass beim Öffnen des Schrankes der Staubsauger entgegen fällt, dass man beim Betreten der Wohnung über die Schuhe der Freundin stolpert und dass Termine so schwer vereinbar sind, wie sie dann kaum jemals eingehalten werden, bildet ein unverwechselbares Körpergefühl des negativen In-sich-Schwingens. Jedes Gefühl ist dann ein Widerstand in sich, behindert sich an sich selbst, drückt und erdrückt sich und belastet sich mit sich. Der äußere Widerstand ist ein innerer geworden, indem alles Empfinden sich an sich abwürgt und so seiner Frische und seiner Freude beraubt ist. Frustration, Zittern, Lachen und Weinen sind nur in diesem inneren Widerstand möglich. Die äußeren Bewegungen haben dabei mit dem Fühlen des inneren Bewegtseins nur wenig zu tun haben. Das gilt genauso für die Erotik, in der das lustvolle Schwingen innerlich ist. Wie es einen erotischen Raum der Weitung gibt, in dem der Körper über sich hinaus geht und sich in der Weite lustvoll spüren kann, so gibt es auch einen Raum der inneren Schwingung. Während sich der Leib in der Weitung einen äußeren Ort erschließt, ist der Raum der Schwingung immer auf sich begrenzt. Im Pulsieren dehnt sich kein Raum, sondern innerhalb eines Raumes gibt es eine Bewegung, die sich trotz dauernder Annäherung und Distanzierung immer treu bleibt. Eine gute Schwingung kann so nie in den Raum hineinragen, während beispielsweise die Weite des Orgasmus gerade in der räumlichen Ausdehnung besteht und nicht bei sich bleiben kann.

Die Erotik besteht aus vielen einzelnen Lüsten, von denen die Lust der Engung und Weitung nicht mit der Lust des In-sich-Pulsierens verwechselt werden sollte. Der Raum, in dem sie sich entfalten, ist nicht derselbe, denn beide haben jeweils einen Ort für sich und sind untereinander nicht austauschbar. Das hat den großen Vorteil, ein Mehr an Lust darin zu gewinnen, die erotische Lust außerhalb der Erotik mittels ganz anderer Praktiken wiederzufinden, um so seine Lust zu steigern. Gehört es also zum Leben, in all seinem Fühlen in sich zu schwingen, so steht und fällt das gute Leben mit dem gutem Leben dieses Pulsierens und Vibrierens. Gesucht wird also ein Behagen, das sich im Bewegtsein der Gefühle in sich abspielt, die sich so ein Widerstand sind, der sich ein Behagen oder ein Unbehagen sein kann. Gesucht wird ein Raum der inneren Schwingung, der nichts mit äußeren Schwingungen zu tun hat, sondern nur mit diesem Widerstand des Fühlens in sich.

Der einfachste Zugang zum erotischen Bewegtsein findet sich in der Massage. Die klassische Thai-Massage entspannt nicht nur, sie lädt den Menschen auch erotisch auf. Sie bringt Sinnlichkeit und Empfänglichkeit auf. Das gilt in zwei Richtungen, also für den Verklemmten wie für den zu Erregten. Beide werden wohltemperiert und können durch die Massage auf gleichschwebende Temperatur gebracht werden.

Die Thaimassage ist eine Mischung aus Yoga und einer klassischen Massage, ähnlich der, die wir in Europa kennen. Das Passive am Yoga besteht dabei darin, dass man nicht selbst die Yogastellungen einnimmt, sondern vom Masseur dorthin durch sanftes, aber entschiedenes Dehnen und Drücken in Stellung gebracht wird. In der Thai-Massage wird der Körper gezogen, gestreckt, gedehnt und abgeklopft. Dabei fallen die wenigsten Bewegungen sanft aus, da viel mit den Ellenbogen und den Knien gearbeitet wird, mit denen der Masseur sein Gewicht auf den Massierten wirken lässt. Der gute Masseur tastet sich langsam an die Schmerzgrenze heran, überschreitet sie und fügt in kleinen finalen Kicks schließlich je einen Extraschmerz hinzu. Der vergeht rasch und hinterlässt eine innere Bewegung des Körpers, die gesteigerte Lebendigkeit mit Frische und Lust verbindet.

Arme, Schultern und Brustkorb werden wie im Yoga gestreckt und gedehnt. Dabei setzt der Masseur wiederum seinen Körper ein und stellt beispielsweise seine Beine ins Kreuz des Massierten, um gleichzeitig seine Arme zu sich heran zu ziehen. Auf den so gestreckten Rumpf wird nach und nach noch ein wenig mehr Kraft ausgeübt, so dass sich seine Streckung weiter intensiviert wird. Der Massierte muss bei diesen nur wenig selbst machen, da das Meiste der Arbeit von dem Masseur übernommen wird, der sich selbst auch in eine Bewegung versetzt, etwa, wenn er neben dem Massierten sitzt und aus schaukelnden oder spiralförmigen Bewegungen heraus mal mehr und mal weniger Drück ausübt.

Massage heißt nichts anderes, als eine Kraft von einer Person zur anderen zu übertragen, um diese dann dort zu einem Widerstand werden zu lassen. Die Kraft wirkt auf den Massierten nach außen betrachtet, indem sie in einem Widerstand seines Körpers aufgezehrt wird. Was so gesehen sinnlos ist, erhält seinen Sinn dadurch, dass die wirkende Kraft, den Körper in seinem In-sich-Bewegtsein erreicht und ihn darin zu einem Pulsieren bringt. Ist die Massage ein naher Verwandter der erotischen Berührung, so ist sie zugleich das genaue Gegenteil der Frustration, bei der äußere Widerstände in der Welt zu einem inneren Widerstand des frustrierten In-sich-Schwingens werden. Was beim Frust negativ schwingt, vibriert bei der Massage positiv und macht Freude. Die Massage ist die Kunst, einen körperlichen Widerstand zu erzeugen, der eine innere Bewegung des Körperempfindens ergibt. So wie der Weltwiderstand in mir eine Resonanz erzeugt, körperlich gespürten Frust bei einem unüberwindbaren Widerstand, oder Freude und Leichtigkeit, wenn der Widerstand gut bewältigt werden kann, so kann auch der künstliche Widerstand in der Massage vom Widerstand in der Welt zu einem In-sich-Bewegtsein wandeln.

In der Massage soll der Leib in dichte Schwingungen versetzt werden, die eine genussvolle Leibintensität ergeben. Es geht um eine Befreiung des In-sich-Bewegtseins, die möglichst den ganzen Leib ergreifen soll, also auch die Fersen, die Nasenspitze und alle schon längst vergessenen Leibregionen. Dass das möglich ist, kann man daran feststellen, dass durch eine gekonnte Massage die linke Körperhälfte bereits gut in sich schwingt, während die noch unbearbeitete rechte Hälfte so bleibt, wie vorher auch die linke Hälfte gestimmt war.

Die in der Massage verabreichte Kraft ist ausgesucht und raffiniert. Wenn sie auch nur ein wenig anders ausfallen würde, dann kommt keine Freude und Entspannung zustande, sondern eine Serie unangenehmer Empfindungen. Ist der Masseur ungelenk und verabreicht seine Kraft im Übermaß, an den falschen Stellen, zu kurz oder zu lang oder mit zu wenig Nachdruck, dann wird der äußere Widerstand im Körper des Massierten entweder nicht ankommen und als Widerstand der Materie enden, oder er wird ein unangenehmes In-sich-Schwingen heraufbeschwören, in dem ein inneres Bewusstsein gegen sich selbst steht und sich erleidet.

Aber auch der Massierte muss sich auf die Kräfte einlassen. Macht man sich zu Beginn einer Massage noch ganz steif und geht in keine der Dehnungen und Positionen mit, so bleibt von der wirkenden Kraft nichts mehr als ein dauerndes Gefühl des lästigen Gedrücktwerdens. Der Widerstand wirkt dann wie ein Eindringling, den es durch Gegenwehr in Grenzen zu halten gilt. Dadurch bleibt der Widerstand auf der Strecke und wird zu einem unangenehmen Druck, einer Kraft, die nicht am richtigen Ort ist.

Umgekehrt ist es auch keine gute Idee, alle Kraft durch sich hindurch gehen zu lassen. Dadurch wird es immer wieder unangenehm, weil der Masseur manches Mal ein bisschen zu viel Kraft aufwendet, die von einem abgemildert werden muss, um wieder die richtige Kraftdosierung zu erreichen. Die Feindosierung der Massage ist so keine kleine Sache, da bereits ein minimaler Überschuss an Energie die Massage zum Ärgernis werden lässt. Schließlich ist die Eisenbahnfahrt in einem Güterwaggon auch eine Massage, in der man über Stunden durchgeschüttelt und durchgerüttelt wird. Und wenn man unvorsichtigerweise während dieser unruhigen Fahrt einschläft, so dass man die Stöße und Erschütterungen nicht abmildern kann, dann wird man nach dem Aufwachen einen zerschlagenen Leib haben. Man fühlt darin eine Komposition des Unbehagens und Zerteiltseins, in der alle Muskeln, Glieder und Körperteile ein bisschen anders schmerzen und gegeneinander arbeiten. Alles tut weh, nicht im Sinne eines akuten Schmerzes, sondern als eine Landschaft des Unwillens und der Energie, die gegen ihren Willen in den Gliedern geweckt wurde, jetzt dort steckt und sich selbst zu einer Last wird, weil sie mit sich nichts anzufangen weiß.

Bei der Massage findet eine äußere Krafteinwirkung ihren Weg in das Innere des Leibempfindens, des Bewegtseins ohne jede sichtbare Bewegung, die ein Raum erschließt, der mit dem sichtbaren Raum nichts zu tun hat, der nichts Sachliches und nichts Greifbares ist. Die Thaimassage kann Energien durch Widerstand erzeugen, kann vorhandene Energien freisetzen, sammeln und auf ein bestimmtes Ziel hin lenken. Erotische Massagen macht es aus, einen Widerstand zu erzeugen, der in zwei Richtungen gehen kann. Man kann die Massage mit in die Erotik nehmen oder die Erotik mit in die Massage. Denn das In-sich-Schwingen ist eine Gefühlsfarbe, die in der Erotik genauso wie in der nichterotischen Massage zu Hause ist. Beide Male ist sie eine hintergründige Lust: einmal kann sie das Erotische in sich aufnehmen und zur Massage mit erotischem Einschlag werden. Umgekehrt kann die Massage den Körper erotisch und sexuell aufladen und ihn heiß machen.

In dem einen Fall ist die Erotik Teil der Massage, im anderen ist die Massage Teil der Erotik. Einmal schillert die Erotik in die Massage ein, das andere Mal schillert das In-sich-Schwingen der Massage in die Erotik durch. Es geht dann also jeweils darum, in welche Richtung die Massage Fahrt aufnimmt.

Was heißt es, den Penis oder die Vagina mit in die Massage zu nehmen? Es bedeutet, diese leicht entflammbaren Körperteile genauso in das In-sich-Schwingen zu bringen wie die anderen Partien des Körpers auch. Man spricht sie dabei gerade nicht erotisch an, sondern macht aus ihnen dann gerade Orte der Lust, die in sich schwingen. Sie laufen erotisch und sexuell außer Konkurrenz. Von dem Behagen aus, gut in sich bewegt zu sein, kann man dann die erotische Kurve der Erregung frei bestimmen. Wenn man es schafft, sich sicher in der Lust des In-sich-Schwingens zu bewegen, besitzt man einen frei bestimmbaren Übergang von der Lust ohne Sex zur Lust mit Sex.

Die klassische Thai-Massage versteht sich als erotische Vorspeise, in der die erogenen Zonen gerade außen vor gelassen werden. Oder sie werden so keusch wie Fußspitze und Rücken behandelt, also nicht in erotischer und sexueller Hinsicht. Das macht Sinn, weil die Lüste der Massage für sich stehen und die eigentliche Massage, den Sex, vorbereitet. Das berühmte happy end im Massagesalon wirft dabei die gesammelte erotische Energie aus dem Fenster. Was an Kraft und Sinnlichkeit aufgebaut worden ist, wird möglichst schnell verbraucht. Die sexuelle Empfänglichkeit wird darin regelrecht missbraucht, weil die ideale Gestimmtheit für Sex mit einem bloßen Abspritzen kombiniert wird.

Das In-sich-Schwingen des Körpers als Gefühl ist ein Raum, der eine Grundqualität des Lebens ausmacht. Ob man ein spannendes Buch liest, ein gutes Steak isst, singt, lacht oder weint – immer spielt die Vibration eine Rolle dabei. Zugang zu diesem Pulsieren gibt es nicht durch eine Tür, durch die man gehen kann, nicht durch das Umlegen eines Schalters, das Drücken eines Knopfes oder das eines Hebels. Einen direkten Zugang oder einen direkten Zugriff auf das innere Schwingen ist ausgeschlossen, so dass es vielmehr einer äußere Kraft bedarf, die sich in ein inneres Vibrieren umsetzen lässt. So ein Transformator ist die Massage, bei der Kräfte, die von außen auf den Körper wirken, sich als Kraft der inneren Vibration niederschlagen. Auf diese Weise gelingt ein Zugriff auf eine Qualität des Lebens, die so doch noch ergriffen wird und gestaltet werden kann. Das gute Leben besteht hier also darin, etwas Greifbares zu machen (die Massage), um etwas Ungreifbares (die Vibration) greifbar zu machen, weil zwischen dem Greifbaren und dem Ungreifbaren eine Verbindung besteht, die zwar dunkel und unbegreiflich bleibt, aber das gesuchte Bindeglied bildet. Es ist eine Kunst, diese Verbindungen zu entdecken und sie für sich zu nutzen.