Der zweite Geschmack – schmecken mit Magen und Darm

Das Schmecken besteht in einen „ersten“ und einen vernachlĂ€ssigten wie weithin unbekannten „zweiten Geschmack“ . Um was handelt es sich bei diesem zweiten Geschmack?

Im Magen angelangtes Essen und Trinken entfaltet dort einen zweiten Geschmack, der weder sĂŒĂŸ, sauer noch bitter herausschmecken kann, dafĂŒr aber die QualitĂ€ten der Leichtigkeit, der Schwere, der Weite, der Enge, der WĂ€rme und Reinheit hervorbringt. So besteht der zweite Geschmack von warmen und abgestandenen Bier entsprechend in einem flauen GefĂŒhl im Magen, das auf den ganzen Leib ausstrahlt. Man fĂŒhlt dann eine leichte Übelkeit nicht nur im Magen, sondern im ganzen Leib. Die „kranke“ FlĂŒssigkeit im Magen ist das Zentrum des Unbehagens, das den Leib durchströmt und durchwirkt. GefĂŒhlt wird eine SchwĂ€che, die mit einem Druck und einer Last einhergeht, der nicht vom realen Gewicht des Biers herrĂŒhrt. Das drĂŒckende Gewicht in der Magengegend trifft dabei oft mit einer unangenehmen Leichtigkeit in den Leibgliedern auf, so dass sich eine charakteristische Mischung von Leichtigkeit und Schwere ergibt.

Ein gutes Steak wiederum kommt nicht nur Bissen fĂŒr Bissen im Magen an und nimmt dort seinen Platz ein, kommt also nicht nur gut oder schlecht zu liegen, sondern wird ausgehend vom Magen auf den ganzen Leib ausstrahlen und diesen mit seinem Behagen durchstimmen. Der Magen ist also ein nervöser Ort, der Ausgangspunkt von Leibstimmungen ist und die Atonie eines pappigen Essens genauso auf den Leib ĂŒbertrĂ€gt, wie die Schwere und Weite des gut zubereiteten Steaks. Was im Magen ankommt, so lĂ€sst sich allgemein bestimmen, fĂŒllt diesen nicht nur physisch zu einem Teil aus, sondern erzeugt dort auch ein je bestimmtes GefĂŒhl. Der Magen als GefĂŒhlsraum wiederum durchstimmt tendenziell auch den Leib ĂŒber sich hinaus, so dass das gut liegende Steak den ganzen Mensch erreichen kann, so dass gilt, dass man ist, was man isst.

Diese Ausstrahlung oder Übertragung spielt sich etwa im GefĂŒhl der Leichtigkeit und Schwere ab. Wenn ein Apfel eine angenehme Leichtigkeit im Magen und davon ausgehend im Leib entfaltet, dann entspricht dieses GefĂŒhl nicht einer tatsĂ€chlichen Gewichtsverminderung, so wie ein Schock, den man bei einem Verkehrsunfall erleidet, keine Leichtigkeit im materiellen Sinne erzeugt, sondern ein unbehagliches FĂŒhlen des Leichtwerdens. Auch ist die gefĂŒhlte Schwere des Menschen, der kurz vorm Einschlafen steht, keine Eigenschaft seines Körpers, sondern die seines empfundenen Leibes. Von außen betrachtet nimmt also sein Gewicht weder zu noch ab, ist er mĂŒde, traurig, deprimiert, erleichtert oder erfreut.

Das Schwere geht dabei nicht notwendig mit Unbehagen einher, so wie die Leichtigkeit nicht immer wie bei der Freude ein Wohlbefinden auslöst. Die Leichtigkeit des SchwĂ€cheanfalls ist unangenehm, die Schwere nach einem guten und reichhaltigen Essen angenehm, was auch daran liegt, dass die leibliche Mitte sich mit dem GefĂŒhl von Schwere/Leichtigkeit jeweils verschiebt, auflöst oder verstĂ€rkt. Der geschockte Mensch verliert seine Mitte, obwohl er nach wie vor sieht, was links und rechts, ĂŒber und unter ihm ist. Er verliert sein Zentrum, weil sie eine gefĂŒhlte Mitte ist, eine Nullkoordinate, von der aus sich erst links und rechts erst ergeben. Er verliert sie auch deswegen, da sein LeibgefĂŒhl sich in eine Weite einbringt, die weit ĂŒber die Grenzen des Körpers hinausgeht.

Weitung bedeutet dabei nicht eine physikalische Expansion, sondern ein GefĂŒhl der Ausdehnung, so wie beim Liegen auf einer Wiese in der ersten FrĂŒhlingssonne. Der Leib, der dabei in Wonne ĂŒber sich hinausgeht, ist nicht der Körper, der an Ort und Stelle bleibt, sondern das Empfinden einer Weitung in den Raum hinein. Da der Geschockte sich ebenfalls weitet und sich dabei in der Weite verliert, besitzt er keine rechte Mitte mehr, ist ortlos, obwohl geographisch bestens lokalisiert. Umgekehrt ist der Mensch, der gut gegessen hat, in seiner Mitte bestĂ€rkt. Wenn also Nietzsche sein zentriertes GefĂŒhl des „Hier kann ich stehen“ auf denkerische Weise erreicht, dann kann dieselbe Mitte als ursprĂŒnglicher Selbstgenuss auch durch das Essen erreicht werden, genauer durch den zweiten Geschmack.

Gibt es eine leibliche Weite, so gibt es auch ihr GegenstĂŒck in der Enge und im Druck. Das lastende GefĂŒhl des Stresses bei der Arbeit ist dabei kein erhöhter Druck im physikalischen Sinne, sondern phĂ€nomenal betrachtet der gefĂŒhlte Leib. Die lastende Verantwortung ist demnach eine Schwere wie eine erdrĂŒckende Erfahrung des Leibes, so wie die Erleichterung eine plötzliche VerĂ€nderung des Gewichtsempfindens zusammen mit einer Weitung des Leibes ist. Das Tonnengewicht, das auf dem unter Druck geratenen Politiker lastet, der in eine AffĂ€re verwickelt ist, besteht demzufolge im einem affektiven Gewicht, dass seine Schwere aus dem Empfundenwerden bezieht und nicht aus einem „realen“ Lasten.

So wie die Weite angenehm sein kann, so können auch die Enge und das Gewicht angenehm sein, und zwar auf die Weise der Dichte. Ein gutes Essen, beispielsweise ein Pot-au-feu, kann eine Verdichtung des Leibempfindens erzeugen, bei dem nicht nur die IntensitĂ€t zunimmt, sondern die gesteigerte SelbstprĂ€senz ein Behagen an der Kraft, sich zu spĂŒren, mit sich bringt. Genauer bestimmt ist es die Konsistenz des gespĂŒrten Leibes, zu seiner affektiven Mitte hin sich verdichtend, die eine Freude mit sich bringt, die von Spinoza conatus genannt wurde. Sich selbst auf die richtige Weise gewichtig werden und an GravitĂ€t zunehmen, wird so zu einer existenziellen Frage des richtigen Essens.

 

Fasten – der zweite Geschmack ohne den ersten

Lippen, Mundinnenraum und Zunge sind in gewisser Hinsicht geschmacksblind, weil sie von sich aus keine starke Tendenz haben, sich auf den Leib auszudehnen und als jeweilige Lust oder Unlust im Schmecken bei sich bleiben. So wie also der Magen geschmacksblind ist, der salzig, cremig, scharf usw. nicht herausschmecken kann, so kennt der erste Geschmack viele GeschmacksqualitĂ€ten nicht und ist seinerseits geschmacksblind. Dass es so ist, zeigt sich am Fasten, bei dem man nichts isst und nichts außer Wasser trinkt. Wird im Fasten also nichts zu sich genommen, so schließt das den zweiten Geschmack nicht aus, sondern fördert diesen gerade als digestive Euphorie.

Davon ist in der ersten Phase des Fastens nichts zu bemerken, da hier mit dem dann auftretenden Hunger auch Kopfschmerzen, Schwindel und SchwĂ€chegefĂŒhle einhergehen. Das GefĂŒhl, dass etwas WidernatĂŒrliches und Ungesundes geschieht, kommt hinzu und tĂ€uscht auch nicht, da man gegen die eigene Natur angeht und sich selbst verdaut. HĂ€lt man aber in der Überzeugung, dass das Fasten mehr als Verzicht und Unbehagen sein kann, lange genug durch, werden diese unangenehmen ZustĂ€nde durch Leichtigkeit und Behaglichkeit abgelöst, die mit Euphorie einhergehen. Dieses HochgefĂŒhl wiederum besteht in der NĂŒchternheit, die den Fastenden auch lange danach noch durchstimmt und begleitet. Man springt in diesem Rausch der NĂŒchternheit nicht in die Luft und spĂŒrt auch sonst keinen Drang, seiner Freude Ausdruck zu verleihen, da es in diesem Zustand eine GlĂŒckseligkeit gibt, die den Fastenden aus seiner Mitte des Leibes durchströmt und bis in die hintersten „Ecken“ der Existenz reicht. NĂŒchternheit und Rausch werden so glĂŒcklich miteinander kombiniert, so dass der Fastende ohne die Verwirrung des Weintrinkers in den Superlativ der NĂŒchternheit hineinkommt.

 

Der geheime Teppich der SchleimhÀute

Um mehr essen und somit mehr genießen zu können, forderte Charles Fourier eine schnellere Verdauung und robustere MĂ€gen. Dabei dachte er wohl auch an seine Mirlitons, kleine KĂŒchlein, mit der er sich die Zeit beim tĂ€glichen Warten auf einen Gönner, der seine hedonistischen PhalanstĂšres finanzieren sollte, abkĂŒrzte, und die er noch öfter hĂ€tte genießen können, wĂ€re sein Stoffwechsel beschleunigt abgelaufen und hĂ€tte er einen besseren Körper gehabt, der das GlĂŒck besser ausgehalten hĂ€tte.

Mehr Genuss im Schmecken lĂ€sst sich aber nicht nur durch eine bessere körperliche Ausstattung erreichen, sondern auch durch den zweiten Geschmack. Der klassische Ort des Schmeckens wird dabei um den Verdauungsapparat erweitert, dessen „nervöse Orte“ GefĂŒhlsrĂ€ume bilden, von denen eine Ausdehnung und Ausstrahlung auf den Leib ausgehen kann. Bei diesen GefĂŒhlstonalitĂ€ten handelt es sich um Weite/Enge, Leichtigkeit/Schwere, WĂ€rme/KĂ€lte, Reinheit/Unreinheit sowie um inkarnatorische QualitĂ€ten. DarĂŒber hinaus geht es auch um die affektive Tautologie, dass ein Gefallen oder Missfallen sich an sich selbst entzĂŒndet und diese Befindlichkeit vom Magen auf den Leib ĂŒbertrĂ€gt.

Der gute „zweite Geschmack“ findet sich in der Regel nicht auf der Seite der industriell erzeugten und verarbeiteten Lebensmittel. Die VerĂ€nderung von Produktionsbedingungen und der Einsatz von Zusatzstoffen, um Nahrung leichter lagerbar, lĂ€nger haltbar, schneller zubereitbar, preisweiter und im Geschmack stabiler werden zu lassen, treibt dem so verĂ€nderten Produkt die schlecht fassbare QualitĂ€t des zweiten Geschmacks meistens aus. Dieser Verlust wird vom Konsumenten in der Regel unbemerkt hingenommen oder ist bereits ein ererbter Verlust von der VorgĂ€ngergeneration, der als NormalitĂ€t gelebt wird. Die geschmacklich Enterbten sind sogar der Meinung, es gĂ€be keine QualitĂ€ten des zweiten Geschmacks zu entdecken, was eine direkte Auswirkung auf die Bildung des Appetits hat. Da es fĂŒr sie nĂ€mlich nur eine beschrĂ€nkte RĂŒckmeldung des Magens gibt, können sie mit dem Essen nicht vorher aufhören, bis sie wirklich voll sind. Das Essen aber, das einen guten zweiten Geschmack bietet, temperiert den Esser auch zugleich sehr gut in seinem gusto. Er spĂŒrt, wann er die Grenze der wohltemperierten SĂ€ttigung zu ĂŒberschreiten droht, weil diese GrenzĂŒberschreitung mit einer Abnahme des Behagens im Magen und Leib einhergeht. Er weiß damit, wann es genug ist, obwohl er noch lange weiteressen könnte, weil noch genug hereinpasst. Im Idealfall wandelt sich der Appetit nicht in ein Sattsein, sondern geht langsam in den zweiten Geschmack ĂŒber.

Als Selbstverfeinerung des Schmeckens ist der zweite Geschmack in einer Serie kleiner gastronomischer Versuche kultivierbar. Innerhalb einer KĂ€sesorte, etwa dem Gouda oder dem Cantal, lassen sich je nach Reifegrad sehr unterschiedliche Erlebnisse des zweiten Geschmacks erfahren. Der junge Cantal (30-60 Tage Reifezeit) liegt im Magen wie eine schwere Masse, wirkt fast wie ein Klumpen und erzeugt ein GefĂŒhl von atonischer FĂŒlle. Der Cantal entre deux (90-210 Tage Reifedauer) liegt da schon besser und kann auch pur genossen werden, was mit dem JungkĂ€se nicht gut möglich ist, den man etwa mit Baguette und Wein zusammen erst bekömmlich machen muss. Der Cantal vieux (minimal 240 Tage Reifung) ist wiederum im Abgang wie im zweiten Geschmack noch ausgeprĂ€gter und bringt ein gutes SĂ€ttigungsgefĂŒhl mit sich, das als Gegenteil der SĂ€ttigungsbeilage keine GefĂŒhl der FĂŒlle, sondern eines der Entfaltung des zweiten Geschmacks in seinen einzelnen TonalitĂ€ten ist.

So wie der KĂ€se können viele Speisen und GetrĂ€nke, im Besonderen Aperitifs und Digestifs, in Hinblick auf den zweiten Geschmack entdeckt und kultiviert werden. Eine solche Selbstverfeinerung wirkt zugleich der Tendenz zur Selbstvergröberung entgegen, gemĂ€ĂŸ der man dazu neigt, Nahrungsmittel als akzeptabel oder sogar schmackhaft in sein Geschmacksrepertorie aufzunehmen, die im Magen eine erschlaffende Wirkung zeigen, ein GefĂŒhl des Beinahe-Magenschmerzes erzeugen, das gesunde SĂ€ttigungsgefĂŒhl ausschalten und so insgesamt schlecht gelebte LĂŒste darstellen.